Stammelbachspeicher-Gallery. Hildesheim Germany

af Heinz Thiel

Heinz Thiel:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn im Stammelbachspeicher eine Ausstellung von Max Ernst angekündigt worden wäre, hätten Sie schon vor der Ausstellungseröffnung gewusst, was sie erwartet; Sie hätten mit Freunden oder anderen Besuchern darüber sprechen können, wo sie welches der ausgestellten Werke in Katalogen oder Museen gesehen hätten, was Sie darüber gelesen haben und wie die Auswahl Ihren Eindruck vom Werk des Künstlers verändert oder aber bestätigt hätte.
Die beiden Künstler Gunnar Klenke und Michael Bredtved hingegen sind den meisten von Ihnen unbekannt. Sie sind also gekommen, um etwas Ihnen Unbekanntes zu sehen. Sie müssen – und Sie wollen, so denke ich – sich eine eigene Meinung bilden, ohne die Sicherheit vorgegebenen Schubladen.
Das ist ein Abenteuer, das die meisten von Ihnen ja wohl schon häufiger bestritten haben, und ich wünsche Ihnen, dass es heute für Sie ein besonders schönes Abenteuer ist.

Am liebsten habe ich Kunst, die mir die Worte nimmt; bei der man also nur staunt, keine Worte mehr findet, mit denen man sagt, worum es geht.
Aber gerade nach dem „Worum geht’s“ wird man in Sachen Kunst immer wieder spontan als erstes gefragt, von Künstlern wie von Betrachtern. Deshalb habe ich vor zehn Jahren eine Ausstellung mit Arbeiten von Hildesheimer Kunsthandwerkern und Designern mit dem Titel „Worum geht’s“ versehen – und erst in dieser Entfremdung hat die Frage niemand mehr verstanden.

Gunnar Klenke und Michael Bredtved sind in etwa gleich alt – Klenke ist 1956 geboren und Bredtved ist 1959 geboren.
Für Bredtved ist es die erste Ausstellung in Deutschland. Bredtved und Klenke kennen sich von einem gemeinsamen artist in residence Aufenthalt in Nagoya 2005. Beide gehören zu einem Künstler-Netzwerk, das von einer Selbsthilfegalerie in Brande/Dänemark ausgeht und seit 1996 einen regelmäßigen Austausch mit Nagoya pflegt.

Bei Michael Bredtveds Bilder habe ich den Eindruck, man versteht sie intuitiv, ohne dass man allerdings sagen kann, was man denn da versteht.
Ich war sehr verblüfft von seinen Schuh-Gemälden und habe sie sofort als stimmig empfunden, aber warum das so ist, weiß ich nicht. Mir gefallen diese Bilder und ich würde sofort eines oder auch zwei bei mir aufhängen (wofür ich allerdings zuerst Platz auf der Wand schaffen müsste).
Als ich die Schuh-Bilder sah, hab es einen flash in meinem Kopf und die Erinnerung an ein Gespräch vor nahezu 40 Jahren tauchte auf: es fand in Italien statt und wurde zwischen mir und meiner damaligen Frau geführt und beinhaltete nur die Information, dass meine Frau bei Männern immer zuerst auf die Schuhe schaute. Das Gespräch führten wir während eines gruppentherapeutischen Aufenthaltes, um uns besser zu verstehen und unsere Ehe zu retten.
Auf Michael Bredtveds Gemälden tauchten nun Frauen-Schuhe in hellem Licht auf – während meine Erinnerung das Gespräch in das Dunkel des Abends verlegte.
„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh“ heißt es in dem Kinderleid von den fleißigen Waschfrauen. Der Schuh ist fest in der Kulturgeschichte der Völker verankert – aber all das ist mir nicht eingefallen. Es ist eher etwas Wortloses, Ungenanntes und damit Unbekanntes, das mich mit diesem Sujet verbindet.
Beim Besuch im Schau-Archiv des Bremer Überseemuseums vor zwei Tagen fand ich übrigens in der Asienabteilung viele Zettel mit dem Hinweis „Entnommen für Ausstellung „Schuhtick“. Ich stellte mir dann vor, welche Schuhe da gestanden haben mochten. Die Ausstellung ist derzeit als dritte Station im Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim (15. Mai - 15. Nov. 2010) zu sehen.
Schuhe haben ja einen ausgeprägten Fetisch-Charakter, aber das hat mit Bredtveds Schuh-Malereien wohl kaum etwas zu tun.
Es gibt ein Schuh-Bild, das man wie eine Spielkarte lesen kann. Dort ist der Stiletto ein Zeichen für den Macht- oder Emanzipationsanspruch der Frauen; sie nagelt damit einen männlichen Fuß/Schuh am Boden fest.
„Ich betrachte mich selber als einen Bilder-Schriftsteller“, sagt Michael Bredtved, ich erzählt mit jedem Bild eigentlich eine Geschichte.
Es ist aber keine „laute“ Geschichte, keine Geschichte, die jeder sofort hört oder sieht. Es ist wohl viel eher eine Geschichte, die jeder in sich fühlt und entdeckt.
Bredtved weiß natürlich, dass „Fuß“ oder „Schuh“ ein starkes Symbol ist. Aber für ihn ist er auch eine spielerische Provokation, denn – so merkt er an – viele Künstler können keine Füße malen. Aber er kann es!
Und viele seiner Sujets haben auch einem wortspielerischen Charakter. Er spielt gern mit seiner Muttersprache. So sind seine Bilder mit den Spatzen entstanden, die auf Zehen sitzen.
Das dänische Wort für „Fußspur“ (das ich leider nicht in einem Wörterbuch gefunden habe) ist von der Aussprache sehr nahe am dänischen Wort „Spatz“.
Auch das Bild mit dem Titel „Wie sich selber in den Fuß zu schießen“ entstand auf Grund eines Wortspiels.


Die Wortspiele, die diesen Bildern ihre Seele geben, sind dem deutschen Betrachter nicht vertraut, also wird er die Arbeiten auch nicht nach dieser „Geschichte“ hin verstehen. Angesprochen wird er aber dennoch von ihnen. Durch die fulminante gestische Malerei, durch das fröhliche Verschwenden von Farben und Formen. Alles ist eingebettet in eine frühlingshafte Explosion von Farbigkeit.

Tiere sind auf sehr vielen von Bredtveds Gemälden zu sehen. Warum?
Es gibt sehr verschiedene Geschichten dafür und nie nur eine.
Das erste, was der Mensch gezeichnet hat, so erläuterte mir Michael Bredtved das, war sein Essen. Es waren also Tiere, die die er jagen wollte, die er magisch erlegen wollte, die er um Verzeihung bitten wollte und was sonst noch alles.
Aber zugleich ist es auch ein Teil der Kindheitsgeschichte des Künstlers: das Kopieren von Tieren aus Büchern und von Sammelbildern, das Erleben Zusammenleben von Tier und Mensch in Tarzan-Comics und die Anerkennung dafür, dass er allen Mädchen in seiner Klasse ihre Lieblingspferde malte, als magisches Huldigungsgeschenk.
Und es geht sogar noch weiter, denn bei seiner Japanreise erlebte er, dass er sich die Gesichter selbst vertrauter Japanischer Freundinnen nicht merken konnte, wohl aber die Physiognomien der Hunde. Und so tauchen gesichtslose Köpfe in seinen Bilder auf, die sich identifizieren über ihre Hunde.
Ich hatte diese Bilder natürlich auch nicht mit dem biographischen Hintergrund gelesen, sondern kunstgeschichtlich als zeitgemäßes Familienbild. Das, was „Familie“ ausmacht, wird stolz vor sich her gezeigt: das Kind, das zum Hund mutierte. – Da sind wir dann schon wieder in einem Lebenskreislauf wie zuvor bei den Schuhen.
„Du registrierst mehr, als dein Gehirn weiß“, konstatiert Michael Bredtved. Malen ist für ihn so etwas, wie den sechsten Sinn zu aktivieren.
Und um seine Kunst zu beschreiben, verschachtelt er zwei Erfahrungen ineinander:
“Ich muß nicht die Wahrheit sagen, sondern ich muß Fragen stellen“ und „In der Kunst hat man die Möglichkeit, hundertprozentig ehrlich zu sein.“
Daraus ergeben sich nun die vielen ebenen, auf denen man seine Bilder lesen kann und auf denen sie zu jedem von uns sprechen können.

Stammelbachspeicher-Gallery. Hildesheim Germany

Heinz Thiel:

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

wenn im Stammelbachspeicher eine Ausstellung von Max Ernst angekündigt worden wäre, hätten Sie schon vor der Ausstellungseröffnung gewusst, was sie erwartet; Sie hätten mit Freunden oder anderen Besuchern darüber sprechen können, wo sie welches der ausgestellten Werke in Katalogen oder Museen gesehen hätten, was Sie darüber gelesen haben und wie die Auswahl Ihren Eindruck vom Werk des Künstlers verändert oder aber bestätigt hätte.
Die beiden Künstler Gunnar Klenke und Michael Bredtved hingegen sind den meisten von Ihnen unbekannt. Sie sind also gekommen, um etwas Ihnen Unbekanntes zu sehen. Sie müssen – und Sie wollen, so denke ich – sich eine eigene Meinung bilden, ohne die Sicherheit vorgegebenen Schubladen.
Das ist ein Abenteuer, das die meisten von Ihnen ja wohl schon häufiger bestritten haben, und ich wünsche Ihnen, dass es heute für Sie ein besonders schönes Abenteuer ist.

Am liebsten habe ich Kunst, die mir die Worte nimmt; bei der man also nur staunt, keine Worte mehr findet, mit denen man sagt, worum es geht.
Aber gerade nach dem „Worum geht’s“ wird man in Sachen Kunst immer wieder spontan als erstes gefragt, von Künstlern wie von Betrachtern. Deshalb habe ich vor zehn Jahren eine Ausstellung mit Arbeiten von Hildesheimer Kunsthandwerkern und Designern mit dem Titel „Worum geht’s“ versehen – und erst in dieser Entfremdung hat die Frage niemand mehr verstanden.

Gunnar Klenke und Michael Bredtved sind in etwa gleich alt – Klenke ist 1956 geboren und Bredtved ist 1959 geboren.
Für Bredtved ist es die erste Ausstellung in Deutschland. Bredtved und Klenke kennen sich von einem gemeinsamen artist in residence Aufenthalt in Nagoya 2005. Beide gehören zu einem Künstler-Netzwerk, das von einer Selbsthilfegalerie in Brande/Dänemark ausgeht und seit 1996 einen regelmäßigen Austausch mit Nagoya pflegt.

Bei Michael Bredtveds Bilder habe ich den Eindruck, man versteht sie intuitiv, ohne dass man allerdings sagen kann, was man denn da versteht.
Ich war sehr verblüfft von seinen Schuh-Gemälden und habe sie sofort als stimmig empfunden, aber warum das so ist, weiß ich nicht. Mir gefallen diese Bilder und ich würde sofort eines oder auch zwei bei mir aufhängen (wofür ich allerdings zuerst Platz auf der Wand schaffen müsste).
Als ich die Schuh-Bilder sah, hab es einen flash in meinem Kopf und die Erinnerung an ein Gespräch vor nahezu 40 Jahren tauchte auf: es fand in Italien statt und wurde zwischen mir und meiner damaligen Frau geführt und beinhaltete nur die Information, dass meine Frau bei Männern immer zuerst auf die Schuhe schaute. Das Gespräch führten wir während eines gruppentherapeutischen Aufenthaltes, um uns besser zu verstehen und unsere Ehe zu retten.
Auf Michael Bredtveds Gemälden tauchten nun Frauen-Schuhe in hellem Licht auf – während meine Erinnerung das Gespräch in das Dunkel des Abends verlegte.
„Zeigt her eure Füße, zeigt her eure Schuh“ heißt es in dem Kinderleid von den fleißigen Waschfrauen. Der Schuh ist fest in der Kulturgeschichte der Völker verankert – aber all das ist mir nicht eingefallen. Es ist eher etwas Wortloses, Ungenanntes und damit Unbekanntes, das mich mit diesem Sujet verbindet.
Beim Besuch im Schau-Archiv des Bremer Überseemuseums vor zwei Tagen fand ich übrigens in der Asienabteilung viele Zettel mit dem Hinweis „Entnommen für Ausstellung „Schuhtick“. Ich stellte mir dann vor, welche Schuhe da gestanden haben mochten. Die Ausstellung ist derzeit als dritte Station im Reiss-Engelhorn-Museen, Mannheim (15. Mai - 15. Nov. 2010) zu sehen.
Schuhe haben ja einen ausgeprägten Fetisch-Charakter, aber das hat mit Bredtveds Schuh-Malereien wohl kaum etwas zu tun.
Es gibt ein Schuh-Bild, das man wie eine Spielkarte lesen kann. Dort ist der Stiletto ein Zeichen für den Macht- oder Emanzipationsanspruch der Frauen; sie nagelt damit einen männlichen Fuß/Schuh am Boden fest.
„Ich betrachte mich selber als einen Bilder-Schriftsteller“, sagt Michael Bredtved, ich erzählt mit jedem Bild eigentlich eine Geschichte.
Es ist aber keine „laute“ Geschichte, keine Geschichte, die jeder sofort hört oder sieht. Es ist wohl viel eher eine Geschichte, die jeder in sich fühlt und entdeckt.
Bredtved weiß natürlich, dass „Fuß“ oder „Schuh“ ein starkes Symbol ist. Aber für ihn ist er auch eine spielerische Provokation, denn – so merkt er an – viele Künstler können keine Füße malen. Aber er kann es!
Und viele seiner Sujets haben auch einem wortspielerischen Charakter. Er spielt gern mit seiner Muttersprache. So sind seine Bilder mit den Spatzen entstanden, die auf Zehen sitzen.
Das dänische Wort für „Fußspur“ (das ich leider nicht in einem Wörterbuch gefunden habe) ist von der Aussprache sehr nahe am dänischen Wort „Spatz“.
Auch das Bild mit dem Titel „Wie sich selber in den Fuß zu schießen“ entstand auf Grund eines Wortspiels.


Die Wortspiele, die diesen Bildern ihre Seele geben, sind dem deutschen Betrachter nicht vertraut, also wird er die Arbeiten auch nicht nach dieser „Geschichte“ hin verstehen. Angesprochen wird er aber dennoch von ihnen. Durch die fulminante gestische Malerei, durch das fröhliche Verschwenden von Farben und Formen. Alles ist eingebettet in eine frühlingshafte Explosion von Farbigkeit.

Tiere sind auf sehr vielen von Bredtveds Gemälden zu sehen. Warum?
Es gibt sehr verschiedene Geschichten dafür und nie nur eine.
Das erste, was der Mensch gezeichnet hat, so erläuterte mir Michael Bredtved das, war sein Essen. Es waren also Tiere, die die er jagen wollte, die er magisch erlegen wollte, die er um Verzeihung bitten wollte und was sonst noch alles.
Aber zugleich ist es auch ein Teil der Kindheitsgeschichte des Künstlers: das Kopieren von Tieren aus Büchern und von Sammelbildern, das Erleben Zusammenleben von Tier und Mensch in Tarzan-Comics und die Anerkennung dafür, dass er allen Mädchen in seiner Klasse ihre Lieblingspferde malte, als magisches Huldigungsgeschenk.
Und es geht sogar noch weiter, denn bei seiner Japanreise erlebte er, dass er sich die Gesichter selbst vertrauter Japanischer Freundinnen nicht merken konnte, wohl aber die Physiognomien der Hunde. Und so tauchen gesichtslose Köpfe in seinen Bilder auf, die sich identifizieren über ihre Hunde.
Ich hatte diese Bilder natürlich auch nicht mit dem biographischen Hintergrund gelesen, sondern kunstgeschichtlich als zeitgemäßes Familienbild. Das, was „Familie“ ausmacht, wird stolz vor sich her gezeigt: das Kind, das zum Hund mutierte. – Da sind wir dann schon wieder in einem Lebenskreislauf wie zuvor bei den Schuhen.
„Du registrierst mehr, als dein Gehirn weiß“, konstatiert Michael Bredtved. Malen ist für ihn so etwas, wie den sechsten Sinn zu aktivieren.
Und um seine Kunst zu beschreiben, verschachtelt er zwei Erfahrungen ineinander:
“Ich muß nicht die Wahrheit sagen, sondern ich muß Fragen stellen“ und „In der Kunst hat man die Möglichkeit, hundertprozentig ehrlich zu sein.“
Daraus ergeben sich nun die vielen ebenen, auf denen man seine Bilder lesen kann und auf denen sie zu jedem von uns sprechen können.

skribent

Heinz Thiel

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